
Die sieben Reden an die Toten (1916)
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Septem
Sermones ad Mortuoa
REDE I
Die Toten kamen zurück von Jerusalem, wo sie nicht fanden, was sie
suchten. Sie begehrten bei mir Einlass und verlangten bei mir Lehre und
so lehrte ich sie: Höret: Ich beginne beim Nichts. Das Nichts ist
dasselbe wie die Fülle. In der Unendlichkeit ist voll so gut wie leer.
Das Nichts ist leer und voll. Ihr könnt auch ebenso gut etwas anderes
vom Nichts sagen, z.B. es sei weiß oder schwarz oder es sei nicht,
oder es sei. Ein unendliches und ewiges hat keine Eigenschaften, weil es
alle Eigenschaften hat. Das Nichts oder die Fülle wenn wir das PLEROME.
Dort drin hört Denken und Sein auf, denn das Ewige und Unendliche
hat keine Eigenschaften. In ihm ist keiner, denn er wäre dann vom
Plerome unterschieden und hätte Eigenschaften, die ihn als etwas vom
Plerome unterschieden. Im Plerome ist nichts und alles: Es lohnt sich nicht über
das Plerome nachzudenken, denn das hieße: Sich selber auflösen.
Die CREATUR ist nicht im Plerome, sondern in sich. Das Plerome ist Anfang
und Ende der Creatur. Es geht durch sie hindurch, wie das Sonnenlicht die
Luft überall durchdringt. Obschon das Plerome durchaus hindurch geht,
so hat die Creatur doch nicht Teil daran, so wie ein vollkommen durchsichtiger
Körper weder hell noch dunkel wird durch das Licht, das durch ihn
hindurch geht. Wir sind aber dass Plerome selber, denn wir sind ein Teil
des ewigen und unendlichen. Wir haben aber nicht Teil daran, sondern sind
vom Plerome unendlich weit entfernt, nicht räumlich oder zeitlich,
sondern WESENTLICH, indem wir uns im Wesen vom Plerome, unterscheiden als
Creatur, die in Zeit und Raum beschränkt ist. Indem wir aber Teile
des Plerome sind, so ist das Plerome auch in uns. Auch in kleinsten Punkt
ist das Plerome unendlich, ewig und ganz, denn klein und groß sind
Eigenschaften, die in ihm enthalten sind. Es ist das Nichts, das überall
ganz ist und unaufhörlich. Daher rede ich von der Creatur als einem
Teile des Plerome, nur sinnbildlich, denn das Plerome ist wirklich nirgends
geteilt, denn es ist das Nichts. Wir sind auch das gesamte Plerome, denn
sinnbildlich ist das Plerome der kleinste nur angenommene, nicht seiende
Punkt in uns und das unendliche Weltgewölbe um uns. Warum aber sprechen
wir dann überhaupt vom Plerome, wenn es doch Alles und Nichts ist?
Ich rede davon, um irgendwo zu beginnen, und um euch den Wahn zu nehmen,
dass irgendwo außen oder innen ein von vornherein Festes oder irgendwie
bestimmtes sei. Alles sogenannte feste oder bestimmte ist nur verhältnismäßig.
Nur das dem Wandel unterworfene ist fest und bestimmt. Das Wandelbare aber
ist die Kreatur, also ist sie das einzig feste und bestimmte, denn sie
hat Eigenschaften, ja sie ist selber Eigenschaft. Wir erheben die Frage:
Wie ist die Kreatur entstanden? Die Kreaturen sind entstanden, nicht aber
die Kreatur, denn sie ist die Eigenschaft des Plerome selber, so gut wie
die Nichtschöpfung, der ewige Tod. Kreatur ist immer und überall,
Tod ist immer und überall. Das Plerome hat alles, Unterschiedenheit
und Ununterschiedenheit Die Unterschiedenheit ist die Kreatur. Sie ist
unterschieden. Unterschiedenheit ist ihr Wesen, darum unterscheidet sie
auch. Darum unterscheidet der Mensch, der sein Wesen ist Unterschiedenheit.
Darum unterscheidet er auch die Eigenschaften des Plerome, die nicht sind.
Er unterscheidet sie aus seinem Wissen heraus. Darum muss der Mensch von
den Eigenschaften des Plerome reden, die nicht sind. Ihr sagt: Was nützt
es, davon zu reden? Du sagtest doch selber, es lohne sich nicht, über
das Plerome zu denken. Ich sagte euch das, um euch vom Wahne zu befreien,
das man nur das Plerome denken könne. Wenn wir die Eigenschaften des
Plerome unterscheiden, so reden wir aus unserer Unterschiedenheit und über
unsere Unterschiedenheit, und haben nichts gesagt über das Plerome. Über
unser Unterschiedenheit aber zu reden ist notwendig, damit wir uns genügend
unterscheiden können. Unser Wissen ist Unterschiedenheit. Wenn wir
diesem Wesen nicht getreu sind, so unterscheiden wir uns ungenügend.
Wir müssen darum Unterscheidungen der Eigenschaften machen. Ihr fragt:
Was schadet es, sich nicht zu unterscheiden? Wenn wir nicht unterscheiden,
dann geraten wir über unser Wesen hinaus, über die Kreatur hinaus
und fallen in die Ununterschiedenheit, die die andere Eigenschaft des Plerome
ist. Wir fallen in dass Plerome selber und geben es auf, Creatur zu seien.
Wir verfallen der Auflösung im Nichts. Das ist der Tod der Kreatur.
Also sterben wir in dem Maße, als wenn nicht unterscheiden. Darum
geht das natürliche Streben der Kreatur auf Unterschiedenheit, Kampf
gegen uranfängliche, gefährliche Gleichheit. Dies nennt man das
PRINCIPIUM INDIVIDUATIONIS. Dieses Prinzip ist das Wesen der Kreatur. Ihr
seht daraus, warum die Ununterschiedenheit und das nicht unterscheiden
eine große Gefahr für die Kreatur ist. Darum müssen wir
die Eigenschaften des Plerome unterscheiden. Die Eigenschaften sind die
GEGENSATZPAARE, als Das wirksame und das unwirksame Die Fülle und
die Leere Das lebendige und das tote Dass verschiedene und das gleiche
Das Helle und das dunkle Das heiße und das kalte Die Kraft und der
Stoff Die Zeit und der Raum Das Gute und das Böse Das Schöne
und das hässliche Das eine und das viele etc. Die Gegensatzpaare sind
die Eigenschaften des Plerome, die nicht sind, weil sie sich aufheben.
Da wir das Plerome selber sind, so haben wir auch alle diese Eigenschaften
in und; da der Grund unseres Wesens Unterschiedenheit ist, so haben wir
die Eigenschaften im Namen und Zeichen der Unterschiedenheit, das bedeutet:
Erstens: Die Eigenschaft sind in uns voneinander unterschieden und geschieden,
darum heben sie sich nicht auf, sondern sind wirksam. Darum sind wir das
Opfer der Gegensatzpaare. In uns ist das PLEROME zerrissen. Zweitens: Die
Eigenschaften gehören dem Plerome, und wir können und sollen
sie nur im Namen und Zeichen der Unterschiedenheit besitzen oder leben.
Wir sollen uns von den Eigenschaften unterscheiden. Im PLEROME heben sie
sich auf, in uns nicht. Unterscheidung von Ihnen erlöst. Wenn wir
nach dem Guten oder Schönen streben, so vergessen wir unsres Wesens,
das Unterschiedenheit ist und wir verfallen den Eigenschaften des Plerome,
als welche die Gegensatzpaare sind. Wir bemühen uns, das Gute und
Schöne zu erlangen, aber zugleich auch erfassen wie das Böse
und Hässliche, denn sie sind im PLEROME eins mit dem Guten und Schönen.
Wenn wir aber unserm Wesen getreu bleiben, nämlich der Unterschiedenheit,
dann unterscheiden wir uns vom Guten und Schönen, und darum auch vom
Bösen und Hässlichen, und wir fallen nicht ins Plerome, nämlich
in das Nichts in die Auflösung. Ihr werfet ein: Du sagtest, dass das
verschiedene und Gleiche auch Eigenschaften des PLEROME seien. Wie ist
es, wenn wir nach Verschiedenheit streben? Sind wir dann nicht unserm Unwesen
getreu? Und müssen wir dann auch der Gleichheit verfallen, wenn wir
nach Verschiedenheit streben? Er soll nicht vergessen, dass das Plerome
keine Eigenschaften hat. Wir erschaffen sie durch das Denken. Wenn ihr
also noch Verschiedenheit oder Gleichheit oder sonstigen Eigenschaften
strebt, so strebt ihr nach Gedanken, die euch aus dem PLEROME zufließen,
nämlich Gedanken über die nichtseienden Eigenschaften des Plerome.
Indem ihr nach diesen Gedanken rennt, fallet ihr wiederum ins PLEROME und
erreicht Verschiedenheit und Gleichheit zugleich. Nicht euer denken, sondern
euer Wesen ist Unterschiedenheit. Darum sollt ihr nicht nach Verschiedenheit,
wie wir sie denkt, streben, sondern NACH EUREM WESEN. Darum gibt es im
Grunde nur ein streben, nämlich das Streben nach dem eigenen wesen.
Wenn ihr dieses Streben hättet, so bräuchtet ihr auch gar nichts über
das Plerome und seine Eigenschaften zu wissen und kämet doch zum richtigen
Ziele Kraft eures Wesens. Da aber das Denken vom wesen entfremdet, so muss
ich euch das Wissen lehren, womit ihr euer Denken im Zaume halten könnet.
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