Die sieben Reden an die Toten (1916)

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Septem Sermones ad Mortuoa

REDE II
Die Toten standen in der Nacht den Wänden entlang und riefen: Von Gott wollen wir wissen, wo ist Gott? Ist Gott tot? Gott ist nicht tot, es ist so lebendig wie je. Gott ist Kreatur, denn er ist etwas bestimmtes und darum vom Plerome unterschieden. Gott ist Eigenschaft des PLEROME, und alles, was ich von der Kreatur sagte, gilt auch von ihm. Er unterscheidet sich aber von der Kreatur dadurch, dass er viel undeutlicher und unbestimmbarer ist, als die Creatur. Er ist weniger unterschieden als die Kreatur, denn der Grund seines Wesens ist wirksame Fülle, um nur insofern er bestimmt und unterschieden ist, ist er Kreatur, und insofern ist er die Verdeutlichung der wirksamen Fülle des Plerome. Alles, was wir nicht unterscheiden, fällt ins PLEROME und hebt sich mit seinem Gegensatz auf. Darum, wenn wir Gott nicht unterscheiden, so ist die wirksame Fülle für uns aufgehoben. Gott ist auch das PLEROME selber, wie auch jeder kleinste Punkt im geschaffenen und im ungeschaffenen das Plerome selber ist. Die wirksame Leere ist das Wesen des Teufels. Gott und Teufel sind die ersten Verdeutlichungen des Nichts, das wir Plerome nennen. Es ist gleichgültig ob das PLEROME ist, oder nicht ist, denn es hebt sich in allem selber auf. Nicht so die Kreatur. Insofern Gott und Teufel Kreaturen sind, heben sie sich nicht auf, sondern bestehen gegen einander als wirksame Gegensätze. Wir brauchen keinen Beweis für Ihr sein, es genügt, das wir immer wieder von Ihnen reden müssen. Auch wenn beide nicht wären, so wurde die Kreatur aus ihrem Wesen der Unterschiedenheit heraus, sie immer wieder aus dem Plerome heraus unterscheiden. Alles was die Unterscheidung aus dem Plerome heraus nimmt, ist Gegensatzpaar, daher zu Gott immer auch der Teufel gehört. Dieses Zusammengehörigkeit ist so innig, und wie ihr erfahren habet, auch in eurem Leben so unauflösbar, wie das Plerome selber. Das kommt davon, dass die beiden ganz nah am Plerome stehen, in welchem alle Gegensätze aufgehoben und eins sind. Gott und Teufel sind unterschieden durch voll und leer, Zeugung und Zerstörung. Das WIRKENDE ist ihnen gemeinsam. Das Wirkende verbindet sie. Darum steht das Wirkende über beiden und ist ein Gott über Gott, denn es vereinigt die Fülle und die Leere in ihrer Wirkung. Dies ist ein Gott, von dem ihr nicht wusstet, denn die Menschen vergaßen ihn. Wir nehmen ihn mit seinem Namen ABRAXAS. Er ist noch unbestimmter als Gott und Teufel. Um Gott von ihm zu unterscheiden, nennen wir Gott HELIOS oder Sonne. Der Abraxas ist Wirkung, im steht nichts entgegen, als das unwirkliche, daher seine wirkende Natur sich frei entfaltet. Das unwirkliche ist nicht und widersteht nicht. Der Abraxas steht über der Sonne und über dem Teufel. Er ist das unwahrscheinlich wahrscheinliche, dass unwirklich wirkende: Hätte das Plerome ein Wesen, so wäre der Abraxas seines Verdeutlichung. Er ist zwar das wirkende selbst, aber keine bestimmte Wirkung, sondern Wirkung überhaupt. Er ist unwirklich wirkend, weil er keine bestimmte Wirkung hat. Er ist auch Kreatur, da er vom Plerome unterschieden ist. Die Sonne hat eine bestimmte Wirkung, ebenso der Teufel, daher sie uns viel wirksamer erscheinen als unbestimmbare Abraxas. Er ist Kraft, Dauer, Wandel. Hier erhoben die Toten großen Tumult, denn sie waren Christen.