Die sieben Reden an die Toten (1916)

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Septem Sermones ad Mortuoa

REDE III
Die Toten kamen heran wie Nebel aus Sümpfen und riefen: Rede uns weiter über den obersten Gott. Der Abraxas ist der schwer erkennbare Gott. Seine Macht ist die größte, denn der Mensch sieht sie nicht. Von der Sonne sieht er das Summum Bonum, vom Teufel das Infinum malum, vom Abraxas aber das in allen Hinsichten unbestimmte LEBEN, welches die Mutter des Guten und des Übels ist. Das Leben scheint kleiner und schwächer zu sein als das Summum Bonum, weshalb es auch schwer ist zu denken, dass der Abraxas an Macht sogar die Sonne übertreffe, die doch der strahlende Quell aller Lebenskraft ist. Der Abraxas ist Sonne und zugleich der ewig saugende Schlund des Leeren, des Verkleinerers und Zerstücklers, des Teufels. Die Macht des Abraxas ist zwiefach. Ihr seht sie aber nicht, denn in euren Augen hebt sich das gegeneinander gerichtete dieser Macht auf. Was Gott Sonne spricht, ist Leben Was der Teufel spricht, ist Tod Der Abraxas aber spricht das verehrungswürdige und verfluchte Wort, das Leben und Tod zugleich ist. Der Abraxas zeugt Wahrheit und Lüge, Gutes und Böses, Licht und Finsternis im selben Wort, und in derselben Tat. Darum ist der Abraxas furchtbar. Er ist prächtig wie der Löwe im Augenblick, wo er sein Opfer niederschlägt. Er ist schön wie ein Frühlingstag. Ja er ist der große Pan selber und der Kleine. Er ist Priapos. Er ist das Monstrum der Unterwelt, ein Polyp mit tausend Armen, beflügeltes Schlangengeringel, Raserei. Er ist der Hermaphrodit des untersten Anfanges. Er ist der Herr der Kröten und Frösche, die im Wasser wohnen und an´s Land steigen, die am Mittag und um Mitternacht im Chore singen. Er ist das Volle, das sich mit dem leeren einigt Er ist die heilige Begattung Er ist die Liebe und ihr Mord Ist der heilige und sein Verräter Er ist das hellste Licht des Tages und die tiefste Nacht des Wahnsinns Ihn sehen heißt Blindheit Ihn erkennen heißt Krankheit Ihn antreten heißt Tod Ihn fürchten heißt Weißheit Ihm nicht widerstehen heißt Erlösung Gott wohnt hinter der Sonne und der Teufel hinter der Nacht. Was Gott aus dem Licht gebiert, zieht der Teufel in die Nacht. Der Abraxas aber ist die Welt, ihr Werden und Vergehen selber. Zu jeder Gabe des Gottes Sonne stellt der Teufel seinen Fluch. Alles was ihr vom Gott Sonne erbittet, zeugt eine Tat des Teufels. Alles was ihr mit Gott Sonne erschafft, gibt dem Teufel Gewalt des Wirkens. Das ist der furchtbare Abraxas. Er ist die gewaltigste Kreatur und in ihm erschrickt die Kreatur vor sich selber. Er ist der Geoffenbarte Widerspruch der Kreatur gegen das Plerome sein Nichts. Er ist das Entsetzen des Sohnes vor der Mutter Er ist die Liebe der Mutter zum Sohne Er ist das Entzücken der Erde und die Grausamkeit der Himmel Der Mensch erstarrt tot seinem Antlitz Vor ihm gibt es nicht Frage und nicht Antwort Er ist das Leben der Kreatur Er ist das Wirken der Unterschiedenheit Er ist die Liebe des Menschen Er ist die Rede des Menschen Er ist der Schein und der Schatten des Menschen Er ist die täuschende Wirklichkeit Hier heulten und tobten die Toten, denn sie waren Unvollendete.