
Die sieben Reden an die Toten (1916)
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Septem
Sermones ad Mortuoa
REDE IV
Die Toten füllten murrend den Raum und sprachen: Rede zu uns von Göttern
und Teufeln, verfluchter. Gott Sonne ist das höchste Gut, der Teufel
das Gegenteil, also habt ihr zwei Götter. Es gibt viele hohe Güter
und viele schwere Übel, und darunter gibt es zwei Gott Teufel, der
eine ist das BRENNENDE und der andere das WACHSENDE. Das Brennende ist
der EROS in Gestalt der Flamme. Sie leuchtet, indem sie verzehrt. Das Wachsende
ist der BAUM DES LEBENS, er grünt, indem er wachsend lebendeigen Stoff
anhäuft. Der Eros flammt auf und stirbt dahin, der Lebensbaum aber
wächst langsam und stetig durch ungemessene Zeiten Gutes und Übles
einigt sich in der Flamme Gutes und Übles einigt sich im Wachstum
des Baumes Leben und Lieben stehen in ihrer Göttlichkeit gegeneinander
Unermessliche, wie das Herr der Sterne ist die Zahl der Götter und
Teufel. Jeder Stern ist ein Gott und jeder Raum, den ein Stern füllt,
ist ein Teufel. Das Leervolle des Ganzen aber ist das PLEROME. Die Wirkung
des Ganzen ist der Abraxas, nun wirkliches steht im entgegen. Vier ist
die Zahl der Hauptgötter, denn vier ist die Zahl der Ausmessungen
der Welt. Eins ist der Anfang, der Gott Sonne Zwei ist der Eros, denn er
verbindet zwei und breitet sich leuchtend aus. Drei ist der Baum des Lebens,
denn er füllt den Raum mit Körpern. Vier ist der Teufel, denn
er öffnet alles geschlossene; er löst auf alles geformte und
körperliche, er ist der Zerstör, in dem alles zu Nichts wird.
Wohl mir, dass es mir gegeben ist die Vielheit und Verschiedenartigkeit
der Götter zu erkennen. Wehe euch, dass in diese unvereinbare Vielheit
durch den einen Gott ersetzt. Dadurch schafft ihr die Qual des Nichtverstehens
und die Verstümmelung der Kreatur, deren Wesen und Trachten Unterschiedenheit
ist. Wie seid ihr eurem Wesen getreu, wenn ihr das Viele zum einem machen
wollt? Was ihr an den Göttern tut, geschieht auch an euch. Ihr werdet
alle gleich gemacht und so ist euer Wesen verstümmelt. Um des Menschen
willen herrsche Gleichheit, aber nicht um Gottes willen, denn der Götter
sind viele, der Menschen aber wenige. Die Götter sind mächtig
und ertragen ihre Mannigfaltigkeit, denn wie die Sterne stehen sie in Einsamkeit
und ungeheuer Entfernung von einander. Die Menschen sind schwach und ertragen
ihre Mannigfaltigkeit nicht, denn sie wohnen nahe beisammen und bedürfen
der Gemeinschaft, um ihre Besonderheit tragen zu können. Um der Lösung
willen lehre ich euch das Verwerfliche, um dessentwillen ich verworfenen
ward. Die Vielzahl der Götter entspricht der Vielzahl der Menschen.
Unzählige Götter harren der Menschwerdung. Unzählige Götter
sind Menschen gewesen. Der Mensch hat am Wesen der Götter teil, er
kommt von den Göttern und geht zum Gotte. So wie es sich nicht lohnt über
das Plerome nachzudenken, so lohnt es sich nicht, die Vielheit der Götter
zu verehren. Am wenigsten lohnt es sich den ersten Gott, die wirksame Fülle
und das summum bonum, zu verehren. Wir können durch unser Gebet Nichts
dazu tun und nichts davon nehmen, denn die wirksame Leere schluckt alles
in sich auf. Die hellen Götter bilden das die Himmelswelt, sie ist
vielfach und unendlich sich erweiternd und vergrößernd. Ihr
oberster Herr ist Gott Sonne. Die dunklen Götter bilden die Erdenwelt.
Sie sind einfach und unendlich sich verkleinernd und vermindernd. Ihr unterster
Herr ist der Teufel, der Mondgeist, der Trabant der Erde, kleiner und Kälter
und toter als die Erde. Es ist kein Unterschied in der Macht der himmlischen
und erdhaften Götter. Die Himmlischen vergrößern, die Ehrhaften
verkleinern. Unermesslich in beiderlei Richtung. |