
Die sieben Reden an die Toten (1916)
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Septem
Sermones ad Mortuoa
REDE V
Die Toten spotteten und riefen: Lehre uns, Narr, von Kirche und heiliger
Gemeinschaft. Die Welt der Götter verdeutlicht sich in der Geistigkeit
und in der Geschlechtlichkeit. Die Himmlischen erscheinen in der Geistigkeit,
die Erdhaften in der Geschlechtlichkeit. Geistigkeit empfängt und
erfasst. Sie ist weiblich und darum nennen wir Sie die MATER COELESTIS,
die himmlische Mutter. Geschlechtlichkeit zeugt und erschafft. Sie ist
männlich und darum nennen wir sie PHALLOS, den erdhaften Vater.
Die Geschlechtlichkeit des Mannes ist mehr erdhaft, die Geschlechtlichkeit
des Weibes ist mehr geistig. Die Geistigkeit des Mannes ist mehr himmlisch,
sie geht zum Größeren. Die Geistigkeit des Weibes ist mehr
erdhaft, sie geht zum Kleineren. Lügnerisch und teuflisch ist die
Geistigkeit des Mannes, die zum kleinerem gehen. Lügnerisch und
teuflisch ist die Geistigkeit des Weibes, die zu größerem
geht. Jeder gehe zu seiner Stelle. Mann und Weib werden aneinander zum
Teufel, wenn sie ihre geistigen Wege nicht trennen, denn das Wesen der
Kreatur ist Unterschiedenheit. Die Geschlechtlichkeit des Mannes geht
zum erdhaften, die Geschlechtlichkeit des Weibes geht zum geistigen.
Mann und Weib werden aneinander zum Teufel, wenn sie ihre Geschlechtlichkeit
nicht trennen. Der Mann erkenne das kleinere, das Weib das größere.
Der Mensch unterscheide sich von der Geistigkeit und von der Geschlechtlichkeit.
Er nenne die Geistigkeit Mutter und setze sie zwischen Himmel und Erde.
Er nenne die Geschlechtlichkeit Phallus und setzte ihn zwischen sich
und die Erde, denn die Mutter und der Phallus sind übermenschliche
Dämonen und Verdeutlichungen der Götterwelt. Sie sind uns wirksamer
als die Götter, weil Sie unserem Wesen nahe verwandt sind. Wenn
ihr euch von Geschlechtlichkeit und von Geistigkeit nicht unterscheidet
und sie nicht als Wesen über euch und um euch betrachtet, zu verfallt
ihr ihnen als Eigenschaften des Plerome. Geistigkeit und Geschlechtlichkeit
sind nicht eure Eigenschaften, nicht Dinge, die ihr besitzt und umfasst,
sondern sie besitzen und umfassen euch, denn sie sind mächtige Dämonen,
Erscheinungsformen der Götter, und darum Dinge, die über euch
hinaus reichen und an sich bestehen. Es hat einer nicht eine Geistigkeit
für sich oder eine Geschlechtlichkeit, sondern er steht unter dem
Gesetz der Geistigkeit und der Geschlechtlichkeit. Darum entgeht keiner
diesen Dämonen. Ihr sollt sie ansehen als Dämonen und als gemeinsame
Sache und Gefahr, als gemeinsamen Last, die das Leben euch aufgebürdet
hat. So ist euch auch das Leben eine gemeinsame Sache und Gefahr, ebenso
auch die Götter zuvörderst der furchtbare Abraxas. Der Mensch
ist schwach, darum ist Gemeinschaft unerlässlich; ist es nicht die
Gemeinschaft im Zeichen der Mutter, so ist es sie im Zeichen des Phallus.
Keine Gemeinschaft ist Leiden und Krankheit. Gemeinschaft in jeglichem
ist Zerrissenheit und Auflösung. Die Unterschiedenheit führt
zum Einzelsein. Einzelsein ist gegen Gemeinschaft. Aber um der Schwäche
des Menschen willen gegenüber den Göttern und Dämonen
und ihrem unüberwindlichem Gesetz ist Gemeinschaft nötig. Darum
sei soviel Gemeinschaft als nötig, nicht um der Menschen willen,
sondern wegen der Götter. Die Götter zwingen euch zur Gemeinschaft.
Soviel sie euch zwingen, so viel Gemeinschaft tut Not, mehr ist von Übel.
In der Gemeinschaft ordne sich jeder dem anderen unter, damit die Gemeinschaft
erhalten bleibe, denn ihr bedürft ihrer. Im Einzelsein ordne sich
einer dem anderen über, damit jeder zu sich selber komme uns Sklaverei
vermeide. In der Gemeinschaften gelte Enthaltung Im Einzelsein gelte
Verschwendung Die Gemeinschaft ist die Tiefe Das Einzelsein ist Höhe
Das richtige Maß in Gemeinschaft reinigt und erhält Das richtige
Maß im Einzelsein seine reinigt und fügt hinzu Die Gemeinschaft
gibt uns die Wärme Das Einzelsein gibt uns das Licht.
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