
Die sieben Reden an die Toten (1916)
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Septem
Sermones ad Mortuoa
REDE VI
Die Dämonen der Geschlechtlichkeit tritt zu unsrer Seele als eine
Schlange. Sie ist zur Hälfte Menschenseele und heißt Gedankenwunsch.
Der Dämon Geistigkeit senkt sich in unsre Seele herab als der weiße
Vogel. Er ist zur Hälfte Menschenseele und heißt Wunschgedanke.
Die Schlange ist eine erdhafte Seele, halb dämonisch, eine Geist und
verwandt den Geistern der Toten. Wie diese, so schwärmt auch sie herum
in den Dingen der Erde und bewirkt, dass wir Sie fürchten, oder dass
sie unsere Begehrlichkeit reizen. Die Schlange ist weiblicher Natur und
sucht immer die Gesellschaft der Toten, die an die Erde gebannt sind, solche,
die den Weg nicht hinüber fanden, nämlich ins Einzelsein. Die
Schlange ist eine Hure und buhlt mit dem Teufel und mit den bösen
Geistern, ein arger Tyrann und Quälgeist, immer zu übelster Gemeinschaft
verführend. Der weiße Vogel ist eine halbhimmlische Seele des
Menschen. Sie weilt bei der Mutter und steigt bisweilen herab. Der Vogel
ist männlich und ist wirkender Gedanke. Er ist keusch und einsam,
ein Bote der Mutter. Er fliegt hoch über die Erde. Er gebietet das
Einzelsein. Er bringt Kunde von den Fernen, die vorangegangen und vollendet
sind. Er trägt unser Wort hinauf zum Mutter. Sie tut Fürbitte,
sie warnt, aber sie hat keine Macht gegen die Götter. Sie ist ein
Gefäß der Sonne. Die Schlange geht hinunter und lähmt mit
List den phallischen Dämon oder stachelt in an. Sie trägt empor
die überschlauen Gedanken des Erdhaften, die durch alle Löcher
kriechen und mit der Begehrlichkeit sich überall ansaugen. Die Schlange
will es zwar nicht, aber sie muss uns nützlich sein. Sie entflieht
unserem Griffe und zeigt uns so den Weg, den wir aus Menschenwitz nicht
fanden. Die Toten blickten mit Verachtung und sprachen: Höre auf von
Göttern, Dämonen und Seelen zu reden. Das wussten wir im Grunde
schon längst. |